Fotografie ohne Kamera: Künstliche Intelligenz (KI) macht es möglich. Bilder entstehen mithilfe von «Prompts», und die Resultate fluten immer mehr Kanäle und das Internet. Kann das gut gehen?
Hollywood, Bollywood, und Pallywood
Wer von Hollywood redet, spricht von der Filmindustrie, von diesem Traumgenerator der Unterhaltungsindustrie. Die Begriffe Bollywood und Pallywood sind davon abgeleitet. Bollywood steht für die Filmindustrie in Indien mit einer ganz eigenen Prägung. Kritischer wird es bei Pallywood, die Manipulation von Tatsachen im Lieblingskonflikt von Israel-Kritikern. Seit Jahr und Tag werden Fotos manipuliert und heute gar generiert. Darauf wurde bereits in einem anderen Beitrag hingewiesen (hier).
Das Problem entsteht für den Betrachter, der sich nicht mehr auf die Zuverlässigkeit der gezeigten Bilder abstützen kann. Für politische und ideologische Zwecke werden Inhalte manipuliert. Es entsteht «Fake News». Dem gehen heute viele auf den Leim. Die Herausforderung liegt nicht nur bei der Erstellung der Inhalte, ob Foto, Video oder Text, sondern auch bei der Interpretation der Inhalte von dem Leser und Konsumenten. Können wir authentisch und inszeniert noch unterscheiden? Müssen dafür neue Fähigkeiten erworben werden? Reicht es etwa, wenn Bilder, die mit KI generiert werden, als solche gekennzeichnet werden? Oder müssten wir auch lernen, damit umzugehen?
Kunst oder Kunstgriff?
Neue technologische Möglichkeiten werden ausgelotet. Das ist selbstredend. Ist das immer positiv? Nein. Es gibt diese alte Formel von «Sex ’n Drugs ’n Rock ’n’ Roll», die eher problematische Antriebsformel liefern. Dagegen stehen auch positive Entwürfe wie Kunst und die Verbesserung der Lebensumstände vieler Menschen.
Malik Afeqbua ist etwa ein Künstler, der die Möglichkeiten von KI auslotet (hier). Er kann damit Dinge zeigen, die vorher nicht möglich waren. Das kann man visionär einsetzen. Seine Bilder und Projekte erschaffen eine wunderbare neue Welt der Inklusivität und Wertschätzung.
Der Missbrauch neuer technologischer Möglichkeiten ist jedoch nicht weit zu suchen. Wer manipulieren will, nutzt dafür auch KI. Es sieht täuschend echt aus und ist häufig nicht mehr von realen Situationen, Bildern und Videos zu unterscheiden. Wenn Technologie als Kunstgriff zur Manipulation eingesetzt wird, haben wir ein Problem in unserer Gesellschaft. Da stehen wir heute bereits. Die Erkenntnis dabei: Wo wollen wir als Gesellschaft hin? Das sind ethische Fragen, die auch politische Antworten verlangen, weil der Missbrauch bereits stattfindet.
Wenn Fotografen neuerdings auch KI einsetzen
Auf PetaPixel erschien ein interessanter Bericht über den Magnum-Fotografen Carl De Keyzer, der vorhatte, eine neue Serie in Russland zu fotografieren, als der Krieg dazwischenkam. Bereits hatte er in Russland fotografiert, jedoch war das geraume Zeit her. Der Krieg von Russland gegen die Ukraine hat ein Besuch an Russland vorerst unmöglich gemacht. Carl de Keyzer hat daraufhin mithilfe von KI eine neue Serie von Bildern über Russland gemacht.
Der Beitrag ist interessant, weil verschiedene Erwartungen aufeinanderprallen. Einerseits gibt es den Fotografen, der die Möglichkeiten von künstlicher Intelligenz einmal ausloten will und darüber ganz klar ist. Andererseits gibt es Menschen, die den Mann als Fotografen kennen und die künstliche Welt als «falsch» ablehnen. Hat der Fotograf die Wirklichkeit manipuliert? Man könnte das verneinen, weil gar keine Wirklichkeit abgelichtet wurde. Man kann es auch ablehnen, weil der Fotograf klar deklariert hat, dass seine Bilder mithilfe von künstlicher Intelligenz erstellt wurden.
Hier könnte auch argumentieren, dass der Fotograf wie ein Autor eine Geschichte erfunden hat, einen Roman geschrieben, respektive einen Bildband erstellt hat. Das ist eine frei erfundene Geschichte. Romanautoren werden dafür nicht geächtet, aber der Fotograf wird dafür geächtet. Natürlich gelten ähnliche Überlegungen auch für Autoren, die KI ganze Bücher schreiben lassen.
Interessant ist diese Auseinandersetzung auch dadurch, dass der Fotograf angibt, diese Bilder nur erstellt haben zu können, weil er Fotograf ist, also etwas mit bestimmten Merkmalen sich vorstellen könnte. Kritiker heben hervor, dass einige Bilder so realitätsnah sind, dass sie leicht für falsche Zwecke missbraucht werden können.
Wir sind als Gesellschaft in einer Zeit des Umbruchs. Welche Fragen sollten wir uns stellen? Geht es um den Unterschied zwischen Pallywood und Kunst? Verzerrt künstliche Intelligenz die Wirklichkeit? Darf es das? Die Antworte hängen von unserer Perspektive ab. Die Auseinandersetzung über relevante Perspektiven dürfte uns noch eine Weile beschäftigen.


