Getty Images erwirbt Unsplash – ist das eine gute Entwicklung?

Was von Getty erworben wird, ist bereits überholt


Am 30. März 2021 machte Getty Images die Absicht bekannt, Unsplash zu erwerben. Wie kann man diesen Schritt verstehen?

Getty Images ist die weltweit grösste Bildagentur. Gross und gut. Der letzte Vorstoss, die Plattform für Gratis-Bilder «Unsplash» zu erwerben, hat jedoch nichts mit Fotografie zu tun, sondern mit Markt-Macht. Unsplash verzeichnet bereits über 100 Millionen Downloads pro Monat (!) und das ist ebenso ein Problem wie vormals iStockPhoto mit Billigbildern Getty zahlenmässig einholte.

Selbstverständlich wird die Akquisition mit Vorteilen für Kreative verkauft. Aber – Hand aufs Herz – würde das nicht auch ohne die Akquisition funktionieren? Es gibt doch für den Benutzer keinen Vorteil, wenn ein Monopol weiter gefestigt wird? Hier geht es um Geld, nicht etwa um bessere Fotografie. Geld, dass die Benutzer zahlen müssen – ob via Bildpreisen oder durch Werbung, damit ein Shareholder-Value generiert werden kann. Man soll sich hier nichts vormachen.

Vorteile für Getty Images

Getty geht es um Marktdominanz. In dem Moment, wo ein neues Konzept erfolgreicher erscheint als die eigenen Konzepte, wird gekauft und eingegliedert. Unsplash ist nur die letzte Kollektion in einer langen Reihe. Getty erhält nun verschiedene Dinge:

  • Traffic und Einblicke
  • Möglichkeit zur Anpassung der Downloads (Registrationen?)
  • Abwanderung von Kunden verhindern
  • Alles aus einer Hand anbieten können
  • Direkte Integrationen mit Softwarelösungen vorantreiben
  • Neukunden gewinnen
  • Querverkäufe

In einem anderen Beitrag habe ich bereits darauf hingewiesen, dass Getty dieselben Bilder zu extrem unterschiedlichen Preisen verkauft. Es geht also nicht darum, den Wert eines Bildes festzulegen, sondern darum, eine Menge an Bildern für verschiedene Szenarien und Kundengruppen unterschiedlich einzusetzen. Wer bereit ist viel zu bezahlen, der darf das. Aber auch derjenige, der ein kleineres Budget hat, soll erreicht werden. Das Thema ist Marktdurchdringung.

Mithilfe von Unsplash findet erneut eine weitere Marktdurchdringung statt, nämlich in die wachsende Gruppe Anwender, die für Bilder nicht mehr bezahlen (wollen).

Vorteile für Bildanwender

Selbstverständlich gibt es auch Vorteile für Bildanwender. Getty Images hat bislang alle Akquisitionen professionalisiert. Bei iStockPhoto und der Entwicklung eines Microstock-Angebots wurden beispielsweise die Modellfreigaben vereinheitlicht und klar deklariert. Unsplash weicht diese bislang aus, was für eine professionelle Nutzung katastrophale Folgen haben kann (Beitrag). Getty kann es sich m.E. nicht erlauben, folgende Lücken bestehen zu lassen:

  • Modellfreigaben sind nicht gelöst auf Unsplash
  • Freigaben Dritter sind nicht gelöst auf Unsplash
  • Es gibt problematische Bilder.

Werden diese Probleme beseitigt, gewinnt die Kollektion deutlich an Attraktivität.

Ein weiterer Vorteil kann für Anwender darin bestehen, dass alternative Lizenzen oder Bilder aus anderen Kollektionen angeboten werden können. Wer echte Lösungen für grafische Anwendungen sucht, ist nicht immer mit «kostenlos» gedient. Diese Differenzierung kann Getty vermutlich elegant lösen.

Vorteile für Fotografen

Fotografen sind erst einmal die Arbeitnehmer, die auf eigenes Risiko und ohne Entgelt arbeiten. Es gibt keine Verträge, keine Altersvorsorge, keine kostendeckenden Ausgaben. Für Getty Images ist das natürlich eine Goldgrube, wenn sie weder die Produktion noch irgendwelche Abgaben bezahlen müssen. Es ist die sprudelnde Ölquelle, die nur angezapft werden muss.

Fotografen, die sich damit abgeben, dass sie nichts verdienen, verdienen Ihre Brötchen bereits auf andere Weise. Vielleicht hoffen einige auf bessere Kunden, wenn sie ihre Bilder in einer weltweit genutzten Bildsammlung einspeisen. Tatsächlich kann das passieren, aber ich kenne keine Untersuchung, die das systematisch erfasst hat.

Allerdings kann Getty Images nun viel einfacher auf diese Fotografen zugreifen. Downloadzahlen verraten, welche Bilder und Bildstile beliebt sind. Suchbegriffe zeigen, welche neue Themen benötigt werden. Getty kann nun direkt auf bestimmte Fotografen zugehen, die tatsächlich zu lukrativen Aufträgen kommen können. Auch wenn das ein kleiner Prozentsatz der Fotografen betreffen wird, so wird es für diese kleine Gruppe interessant sein.

Unsplash ist auch ein weltweites Netzwerk von Fotografen. Als solches kann es Getty dabei helfen, zu bestimmten Themen gute Fotografen direkt vor Ort zu finden. Das ist eine Chance für sowohl Fotografen als auch für Getty.

Zeit für neue Ideen

Bei dieser Hype rund Unsplash und Getty Images ist eines klar: Es gibt wieder Platz für neue Ideen. Getty hinkt mit Akquisitionen immer hinten drin. Unsplash fing 2013 an. Wir sind jetzt 8 Jahre später, in denen ein kleiner Blog zur fast wichtigsten Bildquelle für unzählige Kreative wurde. Getty Images ist mit Akquisitionen immer spät dran. Sie rechnen mit funktionierenden Marktgrössen, spielen auf Sicherheit und investieren strategisch für die nächsten paar Jahre. Möglich macht es das Geld vieler Investoren, die nicht an Bildern, sondern vor allem an noch mehr Geld interessiert sind.

Deutlich interessanter sind Kollektionen wie beispielsweise Westend61, die eine andere Ethik, wirklich gute Fotos und die beteiligten Fotografen ins Zentrum stellen. Das ist ein anderes Konzept als bei Unsplash oder Getty images. Gute Bilder haben seinen Preis. Jeder soll gewinnen und nicht nur die Shareholder.

Platz gibt es also für bessere Ideen. Was von Getty erworben wird, ist bereits überholt. Die Entwicklung in den letzten Jahrzehnten war rasant. Es gab viele Umwälzungen und es gibt bestimmt weitere. Von welcher Entwicklung willst Du Teil sein?

Bildverweis: © Georgia de Lotz auf Unsplash